Sonntag, 14. Juni 2009

Stilbruch.

Es ist offiziell Sommer in Klein-Istanbul.
Unten auf der Straße stellen Dönerbudenbesitzer Stühle auf den dafür viel zu schmalen Gehweg, auf denen sie dann die meiste Zeit selbst sitzen. Sie und ihre Onkel, Väter, Cousins und Nachbarn. Wer keinen Logenplatz an der Dönerbude bekommen hat, vertreibt sich die Zeit in den ausschließlich türkisch-männlich frequentierten Wettbüros, Friseursalons und „Internetcafés“ (diesen notdürftig hergerichteten Erdgeschossräumen, in denen die Jungs und Männer ihre Freizeit mit Chatten, Ferngesprächen in die alte Heimat, Kartenspielen und Shisha-Rauchen bestreiten – soweit ich das durch die offenstehende Tür beurteilen kann). Und wem das nicht zusagt, der kann immer noch wortreich palavernd, in der zweiten Reihe parkend mysteriöse Dinge in Autos verladen.
Die Frauen sind währenddessen weitgehend unsichtbar. Gegen Abend tauchen sie aber manchmal doch auf. Meistens in der bekopftuchten Halbdutzendgruppe, die sich dann in einem mich ignorante Westeuropäerin wahnsinnig machenden Tempo (Tempo ist hier das falsche Wort) über den besagten viel zu engen Gehweg schiebt. Aber das behalte ich für mich - schließlich bin ich hier zu Gast - und übe täglich, mir den Schlender zu Eigen zu machen.

Jetzt, zur Mittagszeit, haben die Frauen aber eindeutig anderes zu tun. Schließlich müssen sie oben in ihrer Wohnung (un-) erreichbar sein, wenn ihre 2- bis 12-jährigen Kinder unten von der Straße „Anne!!! Anne!!!“ zu ihnen hochbrüllen.
Über all dem kreischen die Mauersegler und der Duft vom sonnenwarmen Holz der Dachbalken steigt mir in die Nase. Die Sonntagsglocken läuten. Dabei wäre ein Muezzin so viel authentischer...

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