Da soll noch einer sagen, dass ich mich nicht gedanklich mit meinem Studium auseinandersetze. Okay, zugegebenermaßen unfreiwillig. Aber was tut man nicht alles für einen TN oder, wie es inzwischen heißt, 2 credit points... Und ein bisschen was ist ja auch tatsächlich im Kopf dabei rumgekommen. Das ihr mit Sicherheit uuuunbedingt lesen wollt. Na klar, versteh ich.
Bitteschön. Aber Vorsicht, mir ist an einer Stelle die schmierige Flasche mit den Metaphern aus der Hand gerutscht. Das krieg ich nie im Leben wieder alles sauber!
"Bourdieus Konzept der prekären Reproduktion hat bei mir einige Glocken der Wiedererkennung im Kopf zum Schallen gebracht.
Man hat mich ertappt, und damit stellvertretend meine ganze Generation. Wir fallen zu 100% in diese Umbruchszeit, in diese Generation der Jahrtausendwende. Wir konnten dem Wandel quasi zugucken.
Während meine älteste Schwester und ihre Mitschüler noch motiviert, selbstbewusst und vor allem selbstverständlich ihre Studien und Ausbildungen antraten – und in diesen Berufen dann auch tatsächlich erfolgreich arbei(te)ten, sah es bei meinem Jahrgang – und lagen auch nur 5 Jahre dazwischen – schon völlig anders aus. Wir fuhren augenscheinlich dieselbe Strecke, sind aber nicht an derselben Ausfahrt ausgekommen. Es gibt zwar natürlich immer noch etliche, die als Reisebürokaufleute, Ärzte oder Juristen völlig geradlinig ihren Lebenslauf verfolgen. Doch die Zahl derer, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, um schließlich dann doch umzuschulen, oder die jahrelang mit einem 1,0-Abschluss in Geografie bei H&M jobben, um letztendlich resigniert ein Zweitstudium zu beginnen, ist beträchtlich. Ich bin da nur eins der vielen Paradebeispiele mit meinem Zweitstudium Lehramt (einem der letzten Refugien).
Die Reaktion der Älteren, vor allem der Elterngeneration, ist von Unverständnis geprägt. Dementsprechend sieht man sich ihnen gegenüber permanent in Rechtfertigungszwang. (Was unangenehm ist – wissen wir es doch vor uns selbst schon kaum zu rechtfertigen.) Es ist recht mühselig, und meist müßig, dem Onkel bei der Familienfeier zu erklären, dass man nicht aus Arbeitsscheu und Wankelmütigkeit heraus noch immer keinen „anständigen Beruf“ hat. Dass dieses Phänomen der, so scheint es, jahrzehntelangen Ausbildung nicht der eigenen Wunsch-Lebensplanung entspricht, sondern man von äußeren Umständen in sie hineinmanövriert wurde.
Wobei der Onkel mit dem Vorwurf der Wankelmütigkeit auch nur halb falsch liegt. Tatsächlich ist es diese große Ungewissheit, die uns selbst unsicher werden lässt. Von den wirtschaftlichen Gegebenheiten ganz abgesehen sind es nämlich mindestens ebenso stark die psychologischen Prozesse, die ins Wanken geraten sind. In dieser Welt der unbegrenzten Möglichkeiten sind uns sämtliche Handlungsmöglichkeiten anscheinend abhanden gekommen. Die große Freiheit hat uns nicht die Welt geöffnet, sondern uns ob ihrer Weite und Größe erstarren lassen, uns entscheidungsunfähig gemacht. Jeder ist seines Glückes Schmied, alles ist möglich, aber wir sind auch an allem selbst schuld, an unserem Scheitern oder Gelingen. Jeder kann sich seine Identität selbst basteln, muss es aber auch. Niemand nimmt uns die Entscheidungen ab. Niemand kann uns sagen, ob wir uns richtig entscheiden, wenn wir es denn endlich tun. Wer will ich sein? Wo will ich hin? Wo sollte ich hinwollen? Das Gedankenkarussell dreht sich. Der Schnee ist noch frisch, es sind kaum Spuren auszumachen, geschweige denn ausgetretene Pfade. Wir haben da ein Paket an Identitäts-, Selbstfindungs- und Entwicklungsaufgaben geschenkt bekommen, das unsere Eltern und Großeltern in dieser Größe und Sperrigkeit in den meisten Fällen noch nicht mit sich herumschleppen mussten. Und da stehen wir nun mit unserer großen Freiheit und wünschen uns nichts sehnlicher, als dass wir uns endlich einmal wieder auf etwas verlassen könnten.
Wir konnten dem Wandel zuschauen, oder zumindest dem Zerbröckeln der alten Selbstverständlichkeiten. Und müssen uns ihm nun stellen, um etwas Neues zu bauen, an dem wir uns dann vielleicht festhalten können."
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